Zwischen Damrak und Oudeschans liegen nicht nur Bordelle und Coffeeshops, sondern auch die Ursprünge der Stadt. Schiefe Treppengiebelhäuschen, gotische Kirchen und enge Gassen erzählen vom Leben vor dem Goldenen Zeitalter. Dauer: ca. 2 Stunden
Im Mittelalter teilte der Fluss Amstel die Stadt in zwei fast gleich große Teile: oude und nieuwe zijde (alte und neue Seite). Als erste Stadtgraben wurden 1342 der Oudezijds (OZ) und der Nieuwezijds (NZ) Voorburgwal angelegt. 1380 erfolgte die erste Stadterweiterung, zu deren Schutz man den Oudezijds und Nieuwezijds Achterburgwal (heute Spuistraat) aushob.
Der Spaziergang beginnt am Zeedijk, der tatsächlich einmal ein Deich war und direkt an den Hafen grenzte. Das Haus mit der Nr. 1 wurde um 1500 gebaut und ist eins von nur zwei erhaltenen Holzhäusern in Amsterdam (das andere steht im Begijnhof). Schon seit Urzeiten sitzt hier das Café In't Aepjen, früher eine berüchtigte Seefahrerkneipe. Wer jedoch etwas zu beichten hatte, musste nur auf die andere Seite der Straße gehen. Dort steht die um 1440 errichtete Sint Olofskapel, die dem norwegischen Schutzpatron der Seeleute geweiht war, bis sie 1996 zum Konferenzzentrum umgebaut wurde.
Wenige Meter weiter, am Oudezijds Kolk, kann man eine der ältesten Schleusen Amsterdams sehen. Ihre hölzernen Gezeitentore trennten den OZ Voorburgwal vom Fluss IJ und regulierten so den Wasseraustausch in der Altstadt. Am Kolk stehen deshalb vor allem Speicherhäuser, während den OZ Voorburgwal Grachtenhäuser aus dem 15. bis 17. Jh. säumen. Manche sind breit, andere schmal; manche haben fünf, andere nur zwei Stockwerke - strenge Bauvorschriften wie im Grachtenring gab es hier nicht. Wer genügend Zeit hat, sollte sich unbedingt das Amstelkring-Museum ansehen. Und natürlich ist auch die Oude Kerk einen Besuch wert.
Ein Stück weiter am OZ Voorburgwal entlang, auf der Ecke zum Enge Lombardsteeg, stößt man auf ein schönes Lagerhaus mit geteerter Fassade. Der Name des Stegs verweist noch auf die lombardischen Geldverleiher, die hier im 16. Jh. ihrem Geschäft nachgingen. Um arme Leute vor den Wucherern zu schützen, wurde 1616 ein städtisches Pfandhaus, die Bank van Lening gegründet und in den Häusern neben dem Steg untergebracht.
Wo der OZ Voorburgwal mit dem Grimburgwal und dem OZ Achterburgwal zusammentrifft, steht das »Haus an den 3 Grachten« von 1407. In dieser Gegend liegt heute das Zentrum des Universitätsviertels, und viele der alten Bauten dienen inzwischen als Institutsgebäude. Wegen der vielen Studenten haben sich in der Passage hinter dem Oudemanhuispoort, dem mit einer Brille markierten Tor zum früheren Altmännerheim, unzählige Antiquariate und Buchhändler angesiedelt.
Weiter geht es entlang des OZ Achterburgwal, des zweiten Stadtgrabens. Er ist viel schmaler als der Voorburgwal und wirkt deshalb, obwohl er etwas jünger ist, noch mittelalterlicher. Von hier aus führte der winzige Spinhuissteeg zum Spinnhaus, dem 1595 eingerichteten Arbeitshaus für Diebinnen und leichte Mädchen. Ein Wappenstein über dem Eingang der Institution zeigt eine peitschenschwingende Bewacherin, die ein Mädchen am Ohr zieht.
Der Weg führt nun in die Oude Hoogstraat, eine lebhafte Einkaufsstraße. Zwischen Neonreklamen und Souvenirläden steht ein Haus, das einmal das Zentrum der holländischen Handelsmacht war: Im Oostindisch Huis, das heute der Universität gehört, saß die VOC. Auf dem Innenhof, zwischen den imposanten Renaissancefassaden im Stil Hendrick de Keysers, wurden die Seeleute für die Ostindienfahrer angeheuert.
1425 drohte die Stadt wieder einmal aus allen Nähten zu platzen, weshalb als dritter Stadtgraben der Kloveniersburgwal angelegt wurde. Er erhielt seinen Namen von den Schützen (kloveniers), die dort Übungen abhielten. Nicht wirklich mittelalterlich, aber doch charmant altmodisch ist die Kräuterhandlung Jacob Hooy in Haus Nr. 12. Am Ende des Kloveniersburgwal liegt der Nieuwmarkt mit der Waage, dem ehemaligen Sint-Antonies-Stadttor von 1488. Wem nach einer Pause zumute ist, der findet rund um den Platz eine Vielzahl von netten Cafés und Asiaimbissen.
Zu guter Letzt führt der Spaziergang noch an die Tore der mittelalterlichen Stadt. Am Sint Antoniesplein, wo man einen schönen Blick die Oudeschans hinunter auf den Montelbaanstoren hat, befindet sich ein kleines Tor, über dem ein Steinrelief mit zwei Figuren prangt. Dies war einmal die Pforte des städtischen Leprahospitals. In die gut bewachte Stadt ließ man die Aussätzigen nicht: Sie mussten im Hospital vor den Toren Amsterdams, im späteren Judenviertel, bleiben.
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