Eines wird Ihnen sofort auffallen, wenn Sie Lugano (273 m, 26 000 Ew.) besuchen: An Selbstvertrauen fehlt es dieser Stadt nicht. Da ist wenig zu spüren von der mitunter etwas aufgesetzten Bescheidenheit, die man im Tessin oft antrifft. Lugano, das mit den umliegenden Gemeinden zu einer 80 000 Ew. zählenden Agglomeration zusammengewachsen ist, pflegt trotz seiner Kleinheit die großstädtische Attitüde bis zur Provokation. Die Stadt gibt sich elegant, mondän, souverän, selbstbewusst - und ganz gern ein wenig ungeniert. Diese unbescheidene Selbsteinschätzung spiegelt sich im alltäglichen Straßenbild, wo sich die Lässigkeit der gut Situierten mit italienischer Eleganz kombiniert. Gegelte Haare, Maßanzüge und Designersonnenbrillen gehören zum Standard, wenn man in Luganos Altstadtgassen fürs mittägliche Sandwich ansteht.
Die Faszination Luganos liegt - auf den ersten Blick zumindest - offen da. Die Lage der Stadt sucht ihresgleichen. An der geschwungenen Seebucht zwischen den Hausbergen Monte San Salvatore und Monte Brè südexponiert gelegen, wird Lugano mitunter sogar mit Rio de Janeiro verglichen.
Doch Lugano hat auch seine dunkle Seite: Das Städtchen ist wichtiger, als es auf Grund seiner Größe erscheint. Als drittwichtigster Finanzplatz der Schweiz ist Lugano seit Jahrzehnten Parkplatz für Milliarden von Franken - vor allem italienischer Provenienz. Im gleichsprachigen Tessin haben Italiener den geschützten Hafen gefunden, in dem sie ihr Geld in Sicherheit brachten und bringen - früher vor allem vor der hohen Inflation, später aus Angst vor den Kommunisten. Kein Wunder also, dass in der wunderbaren Stadt am Ceresio auch zwielichtige Finanziers Einzug gehalten haben. Vor allem das schweizerische Bankgeheimnis, aber auch die etwa für Zigarettenschmuggler günstige Gesetzgebung haben aus Lugano einen bevorzugten Standort für kriminelle Finanzhaie gemacht.
Davon merken Sie als Besucher allerdings nichts. Die außergewöhnliche Lage und die zahlreichen prunkvollen Villen und Palazzi, oft mit Arkaden versehen, verleihen der Stadt Eleganz und Grandezza, gegen die selbst Grundstücksspekulation und Baufieber, die die historische Bausubstanz in den letzten 30 Jahren arg angegriffen haben, nicht ankommen.
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