Die Tour beginnt im Zentrum von Como, ganz all'italiana: Setzen Sie sich in die Pasticceria Riva (tgl., Piazza Perretta 11), genießen Sie einen Cappuccino, stärken Sie sich mit einer Brioche, spazieren Sie dann über die großartige Piazza Cavour nach vorne an den See, und geben Sie sich einen Moment dem Anblick hin. Hier zeigt Como seine Doppelgesichtigkeit - die majestätische Ruhe und die Grandezza der traumhaften Seelage zum einen, die ungeduldige Lebendigkeit zum andern, die sich im ungestüm die waldigen Anhöhen hochrankenden Siedlungsgeflecht manifestiert.
Ein Stück dieses pulsierenden Lebens, das abstößt und fasziniert zugleich, bekommen Sie mit, wenn Sie nun, auf der holprigen Straße in Richtung Grenze, den Hügel hochfahren, vorbei an modernen Villen, die achtlos neben baufällige Althäuser gestellt wurden. Man weiß nie so recht, ob man sich noch in dieser von Ästheten so gerühmten Seenregion befindet oder in einem Industrievorort, in dem jegliche Lebensqualität kurzfristigem Renditedenken geopfert worden ist.
Diese Ambivalenz verstärkt sich noch, wenn Sie dann hinab in den Talkessel von Chiasso rollen, zum Grenzübergang, der die Schweiz von Italien trennt. Nie wird so greifbar wie hier, was diese Welten trennt. Es mag eine Platitüde sein - aber da ändert sich etwas, auf den paar Metern zwischen den Ländern, hier die charmante Nonchalance Italiens, dort die aufgeräumte Hektik der Schweiz. Der Landeswechsel liegt in der Luft, in den Gerüchen, im Lebensrhythmus. Lassen Sie sich einen Moment Zeit, wenn Sie den Grenzposten passieren, und genehmigen Sie sich in einer Bar in Ponte Chiasso oder Chiasso eine Erfrischung.
Nicht nur spüren, sondern auch sehen und hören können Sie, was die Grenze aus diesem Chiasso - das auf Deutsch bezeichnenderweise »Lärm« heißt - gemacht hat: Die überdimensionierten Schienenanlagen des Grenzbahnhofs in der Ebene, eindrucksvoll zu beobachten im urigen Grotto Linet (Mo geschl., Via Sottopenz, Tel. 09 16 83 08 74, €-€€), sprechen Bände. 1882, als mit der Eröffnung des Gotthardtunnels der Nord-Süd-Transit auf der Schiene einsetzte, war Chiasso ein Bauerndorf. Wenige Jahrzehnte später fand es sich als internationales Grenzstädtchen wieder. Über die Grenze geflossene Schwarzgelder haben Chiassos Antlitz verändert - zwecks Profitoptimierung schossen die Gebäude in die Höhe, die Banken bauten sich prunkvolle Paläste. Doch Chiassos Herz ist dörflich und gemächlich geblieben, wie Ihnen ein Spaziergang im populären Quartiere Soldini bestätigen wird.
Und Chiasso, so unwirtlich es scheinen mag, hält sich auch veritable Oasen. Eine kulinarische finden Sie, wenn Sie 2 km den Hügel Richtung Vacallo hochfahren. Das Restaurant Conca Bella direkt an der Straße (So/Mo geschl., Via Concabella 2, Tel. 09 16 97 50 40, €€€) ist ein Highlight. Und eine landschaftliche Preziose liegt an der gleichen Straße nur wenige Kilometer weiter: das Muggiotal, die südlichste Talschaft der Schweiz.
Das Minital, knapp 10 km lang, dessen Terrassenlandschaft bei schrägem Lichteinfall markante Konturen produziert, gehört zu den schönsten und wertvollsten Kulturlandschaften der Schweiz. An seinen Flanken kleben kompakt gebaute Dörfchen, auf den Höhen des Tals finden sich die Weiden der alpinen Viehwirtschaft, in tieferen Lagen die typisch mediterranen Terrassen für den Ackerbau. Im Unterschied zu einem Großteil des oberitalienischen Dreiseengebiets handelt es sich hier nicht um eine exotische Gartenlandschaft, sondern um bodenständiges Kulturland.
Fahren Sie talaufwärts, ins hinterste noch besiedelte Dorf Muggio (661 m, 220 Ew.), und schauen Sie sich um. Die speziellen geologischen und klimatischen Verhältnisse in der Valle di Muggio haben die traditionellen Bauern zu innovativen Schritten gezwungen. Im Karstgebiet des Monte Generoso, an dessen Abhängen sich das Muggiotal befindet, versickerte das Wasser zu schnell für eine ersprießliche Landwirtschaft. Die Bauern ersannen Spezialkonstruktionen: Sie bauten aus Schieferstein Schneekeller, so genannte nevere, konstruierten Kastanientrocknungsanlagen und Türme zum Vogelfang. Diese pittoresken Zeugnisse der traditionellen Volkskultur können Sie sich aus der Nähe anschauen, da ein außergewöhnliches Freiluftmuseum dieses heute nicht mehr genutzte Kulturerbe publikumswirksam erschließt. Die aussagekräftigsten Objekte sind an ihrem Standort restauriert und mit einem ausgeschilderten Wanderweg ab dem Dörfchen Cabbio verbunden worden (Auskunft: Ethnografisches Talmuseum, Di-So 14 bis 17 Uhr, Tel. 09 16 90 20 38, www.mevm.ch, und Verkehrsbüro Mendrisiotto, Tel. 09 16 46 57 61, www.valledimuggio.ch).
Wenn Sie über Nacht bleiben möchten, quartieren Sie sich im Dörfchen Sagno (Abzweigung in Morbio Superiore beachten) bei der Kooperative Ul Furmighin (6 Zi., Tel. 09 16 82 01 75, Fax 09 16 82 01 76, furmighin@ticino.com, €€) ein. Sie bietet Ihnen ein Bett in traumhafter Lage.
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