Was tut da der schöne Mann mit dem eleganten Tropenhelm und weißen Stulpen mitten im Chaos auf der tosenden Piazza Venezia? Die Hüfte hat er leicht gebeugt, den Arm angewinkelt, die Hand wie Michelangelos Adam ausgestreckt. Ein Karajan in Uniform. Wird jetzt gleich die Geige schluchzen, die Pauke dröhnen, das Orchester einsetzen zur 9. Symphonie? Troommh! Nur ein disharmonisches Röhren der Autos, Knattern der Mopeds, Rasseln der Busse. Alle fahren gleichzeitig, und schon ist die Piazza wieder verstopft. 50 Verstöße trotz neuer italienischer Straßengesetze, armer Verkehrsdirigent.
Doch wenn Sie das Verkehrschaos wie alle Römer mit der nötigen pazienza, Geduld, ertragen und endlich auf der wunderbaren Piazza Navona sitzen, der Kellner Ihnen mit elegantem Schwung den cremigen Cappuccino mit dem obligaten Glas Wasser serviert, dann werden Sie merken, dass das chaotische Rom doch erste Sahne ist. Und dass sich in den letzten Jahren auch vieles verbessert hat. Seit Barockbaumeister Gianlorenzo Berninis Zeiten war das historische Zentrum nicht mehr so herausgeputzt. Abgasgeschwärzte Fassaden erstrahlen wieder in frischen Farben, im Kolosseum und im Circus Maximus gibt es stimmungsvolle Popkonzerte, die Galleria Borghese ist nach 17-jähriger Restaurierung aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Aphrodite und andere göttliche Skulpturen residieren endlich wieder standesgemäß in den neuen Antikenmuseen Palazzo Altemps und Palazzo Massimo. Das Foro Romano, das Herz der Antike, steht nun allen Römern zum Lustwandeln offen, und an manchen Sonntagen sind die Via dei Fori Imperiali und die Via Appia Antica ein autofreies Fußgängerparadies. Wunderbares Rom!
Wer Rom entdecken will, muss auf die Piazza gehen. Sie ersetzt den Römern den salotto, die gute Stube, denn viele wohnen laut und scheußlich an der Peripherie oder eng auf eng bei der Schwiegermutter. Aber die Piazza ist das Leben: Markt, Jahrmarkt, Schwatzbörse, Demonstrations- und Andachtsort, Richtstätte des guten Geschmacks und Circus Maximus der Eitelkeit, wo die Italiener ihrer kostenlosen Lieblingsbeschäftigung nachgehen und bella figura machen. Das heißt, mit unnachahmlicher Eleganz, dem banalen Alltag enthoben, herumstehen und nebenbei ein Auge auf ansehnliche Touristinnen werfen.
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