An einem schönen, lauen Sommerabend in Edinburgh: »I'm only happy when it rains!« singt Frontfrau Shirley Manson von der Rockband Garbage 1999 zur Einweihungsfeier des ersten schottischen Parlaments seit gut 200 Jahren. Und alle Zuschauer singen inbrünstig mit. Womit sich neben dem wechselhaften Wetter Schottlands ein Grundzug des schottischen Charakters outet: der knackige Humor! Das Naturell der Schotten ist von historischen Härten, subarktischer Randlage und calvinistischer Strenge genauso geprägt wie vom hitzigen und melancholischen Wesen ihrer keltischen Ahnen, der Skoten und Pikten. Diese Mischung hat die Schotten zu einem spürbar offenherzigeren, wärmeren und impulsiveren Menschenschlag werden lassen als ihre reservierteren südlichen Nachbarn, die angelsächsischen Engländer.
Wie kommen zwei so unterschiedliche Temperamente auf einer Insel miteinander aus? Bis ins 18. Jh. hinein nur schlecht, und noch heute sind die Schlachten mit den Engländern für viele Schotten im Gedächtnis verankert. Seit der Londoner Regentschaft des gebürtigen Schotten Tony Blair geht es etwas besser, denn der ließ erstmals wieder ein schottisches Parlament zu. Dabei müssen sich die gut fünf Millionen Schotten, die auf einem Gebiet von etwa der Größe Österreichs leben, längst nicht vor den Engländern verstecken. War es vor 150 Jahren der Schiffbau am Clyde, der Schottland wirtschaftlich unter Dampf brachte, sind es heute vor allem die Computertechnik und die Gentechnik im so genannten Silicon Glen zwischen Edinburgh und Glasgow. Studienplätze in Schottland sind begehrt - nicht nur beim königlichen Nachwuchs -, Kreativität und das gute Bildungswesen sind seit langem Pfunde, mit denen Schottland wuchern kann.
Die meisten Besucher kommen gleichwohl der rauen, dominierenden Natur wegen, und doch ist das Land auch ein respektables Kulturziel. Im Süden, in den meist lieblichen Lowlands mit ihren geschäftigen, reizvollen Kleinstädten wie Jedburgh oder Peebles, locken romantische Abteiruinen aus dem 12. Jh. Unter gotischen Bögen wird schottische Grenzgeschichte nachvollziehbar. Am intensivsten erfährt man die hügelige Region der Klosterruinen und idyllischen Forellenflüsse übrigens mit einem geliehenen Rad oder bei Tageswanderungen etwa um Melrose - wobei man auch gleich der Literatur auf die Spur kommen kann. Ein Besuch des märchenhaften Domizils des Romanciers Sir Walter Scott am Fluss Tweed bei der Dryburgh Abbey ist ein Muss. Abbotsford House heißt seine Schmiede des Schottland-Tourismus, denn ohne Scotts Erzählungen aus dem 19. Jh. wäre das Imageklischee von ganzen Kerlen in karierten Kiltröcken nicht entstanden. Kein Hollywood-Highlander ohne den Lowlander Scott, ebenso keine Donizetti-Oper »Lucia di Lammermoor« ohne Scotts Vorlage. Einzig die Legende vom Ungeheuer Nessie im Loch Ness, der quäkende Dudelsack, der im Whisky destillierte Geschmack der Highlands und der Charme Sean Connerys sind nicht auf Scott zurückzuführen.
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