»Ich will zurück nach Westerland« heißt ein Hit der Popgruppe »Die Ärzte«. Wer das erste Mal nach Westerland kommt, wird diese Sehnsucht kaum nachvollziehen können. Die Sechziger- und Siebziger-Jahre-Architektur im Innenstadtbereich wird von vielen als eine einzige Bausünde empfunden. Das Angebot der Fußgängerzone wird zunehmend beherrscht von Filialen großer Ladenketten und unterscheidet sich immer weniger vom Einkaufseinerlei anderer deutscher Städte. Ungewöhnlich sind da schon eher die zahlreichen Fischbistros, deren Gerüche ein wenig maritimes Flair verbreiten.
So viel auch über die Sylter Metropole, in der ungefähr die Hälfte der 23 000 Insulaner leben, geschimpft wird - keiner möchte sie wirklich missen. Wenn im Winter die meisten Orte wie ausgestorben wirken, merkt man hier, dass es noch Leben gibt. Und wer im Sommer das Spiel »Sehen und Gesehenwerden« spielen möchte, ist nirgends besser aufgehoben als auf der Westerländer Promenade und in den Fußgängerzonen, wo abends Gaukler, Musikgruppen und alle möglichen (Klein-)Künstler das Publikum unterhalten.
Die Gründungsväter des Bades haben mit dieser Entwicklung sicher nicht gerechnet, als sie 1855 immerhin 98 (!) Kurgäste begrüßen durften. Doch schon um 1900 war Westerland nicht nur das mondänste Bad an der deutschen Nordseeküste, sondern auch das fortschrittlichste: Die prüde Regel, Damen und Herren nur in weit voneinander getrennt liegenden Strandabschnitten baden zu lassen, wurde aufgehoben, in Westerland durften die Familien doch tatsächlich zusammen in die Fluten steigen. Die aufgeregte Diskussion in den damaligen Gazetten belegt, dass einer ähnlichen Strafe, wie sie Sodom und Gomorrha ereilte, durchaus realistische Chancen eingeräumt wurden.
Der steile Aufstieg - mittlerweile besuchten jährlich 25 000 Gäste das Bad - wurde jäh vom Ersten Weltkrieg unterbrochen. Und wenn auch in den goldenen Zwanzigerjahren ein wenig Glanz auf Westerland fiel, ist heute unübersehbar, dass die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr an ihre alten Erfolge anknüpfen konnte. Das entsprechende Publikum, zu dem auch viele Juden gehörten, gab es einfach nicht mehr.
In den Sechzigerjahren wandelte sich das Gesicht Westerlands entscheidend, als man, vom Fortschrittsglauben beseelt, die schönen alten Jugendstilhotels und Logierhäuser in Bäderarchitektur abriss, um Platz für das moderne Kurzentrum und das Wellenbad zu schaffen. Nur einer Bürgerinitiative ist zu verdanken, dass es nicht noch schlimmer kam. Ein gigantischer Apartmentblock - 25 Geschosse und 750 Wohneinheiten - mit dem sinnigen Namen Atlantis ging noch in der Planungsphase unter.
Heute ist Westerlands Publikum eine bunte Mischung aus den alten Stammgästen (die nach 50 Jahren Treue längst die Ehrenkurkarte besitzen) bis zu ganz jungen Leuten, die schon mal anreisen, nur um eine Nacht durchzufeiern. Dieser Kontrast führt manchmal zu Konflikten, ist im Grunde aber eine wohltuende Belebung für die Stadt. Mittlerweile wird vieles restauriert, und glücklicherweise hat sich auch die Deutsche Bahn überzeugen lassen, ihrem Sylter Bahnhof ein neues Flair zu verpassen. Das 1927 von Hindenburg eingeweihte Bahnhofsgebäude wurde aufwändig erneuert. Ob die seit 2001 auf dem Vorplatz stehenden »Reisenden Riesen im Wind« (im Volksmund grüne Männchen genannt) zu dem Ensemble passen, darüber wird tagtäglich vor Ort heftig debattiert.
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