Rantum dürfte es eigentlich gar nicht geben. Dieses einst »sterbende Dorf« liegt an einer der schmalsten Stellen der Insel, nur rund 600 m trennen hier Wattenmeer und offene Nordsee. Dieser Luxus, in nur wenigen Schritten »die Seite wechseln« zu können, beschert Rantum alljährlich treue Stammgäste. Sie gehören eher der naturverbundenen Fraktion an, denn so traumhaft die Natur hier ist, so ruhig geht es abends im Dorf zu. Im Sommer bestimmen die Gäste das Ortsbild, doch im Winter sind die knapp 500 Ew. unter sich, denn die zahlreichen reetgedeckten Häuser gehören meist Zweitwohnungsbesitzern. Ein kleiner Supermarkt und eine Bäckerfiliale versorgen den Ort mit dem Nötigsten. Wer shoppen will, fährt nach Westerland.
Die Zeiten waren nicht immer so einfach. Noch im 19. Jh. war der Untergang prophezeit, nur wenige Bewohner lebten in fünf mehr oder weniger ärmlichen Hütten am Watt. Sie waren so arm, dass sie den anderen Insulanern auf der Tasche lagen, die ihre Steuern mitzahlen mussten. So verbot man kurzerhand den Zuzug nach Rantum, wohl um dieses »Armennest« nicht noch zu fördern. Die Armut war allerdings nicht selbst verschuldet. Die Einwohner hatten eine jahrhundertelange Flucht vor Wanderdünen und Sturmfluten hinter sich. Vier Mal haben sie ihre Kirche versinken sehen und wieder neu aufgebaut. Immer wieder mussten sie ihre Häuser verlassen, die von Wanderdünen verschüttet wurden.
Deshalb zogen jene, die dem Ort noch nicht den Rücken gekehrt hatten, Anfang des 19. Jhs. an die Wattseite, in die so genannte Rantum-Inge. Zu den wenigen, die blieben, gehörte Peter Nikolai Lassen, dem die Insel eine schöne Liebesgeschichte verdankt. Er war Norweger, der im Zuge des Krieges Dänemark/Frankreich gegen England 1809 vor Rantum gestrandet war. Bis sein Schiff wieder flott war, lebte er in Rantum und verliebte sich in das schönste Mädchen des Dorfes, Merret Claasen. Ein Jahr später kehrte er zurück, um seine große Liebe zu ehelichen. Wie gern die beiden sich hatten, kann man dem reichen Kindersegen entnehmen - in dieser Ehe wurden 21 Kinder geboren! Die wiederum bescherten ihren Eltern über 90 Enkelkinder, sodass heutzutage fast jeder Sylter irgendwie mit den Lassens verwandt ist. Im Ort weist der Merret-Lassen-Wai auf die Familie hin, deren Haus - noch teilweise erhalten - in jener Straße steht. Die tragische Rantumer Geschichte kann man immer donnerstags auf einer Dorfführung nacherleben (Auskunft: Kurverwaltung, Tel. 807 77).
Weniger romantisch sind die großen Kasernenbauten am Ortseingang. Heute sind hier Jugend- und Erholungsheime untergebracht, die mit 1200 Betten einen nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor darstellen. Die in den Dreißigerjahren des 20. Jhs. erbaute Anlage war ein Seefliegerhorst. Um ideale Landebedingungen für die Wasserflugzeuge zu schaffen, hatte man die Steidumbucht eingedeicht. Heute entlockt uns die Vorstellung, dass von Sylt aus England erobert werden sollte, nur noch ein Schmunzeln, damals war es bitterer Ernst.
Das so entstandene »Rantumbecken« wurde 1962 als Europareservat unter Schutz gestellt und gilt besonders unter Ornithologen als reiches Refugium seltener Zugvögel. In der Saison bietet der betreuende Verein Jordsand (Tel. 58 12) tgl. außer Mo Führungen an. Den 9 km langen Deich zu Fuß oder per Rad zu erkunden ist aber für jeden ein Erlebnis. Man vernimmt nur das Rufen der Vögel und das Blöken der Schafe und Lämmer unter einem unendlichen Sylter Himmel, der hier doppelt so groß scheint, weil er sich im stillen Watt spiegeln kann.
Auf dem Weg zum Deich kommt man durch das Rantumer Gewerbegebiet, in dem sich viele (nette) Läden einquartiert haben. Hier findet man auch die mittlerweile bundesweit bekannte Sylt-Quelle. Nicht nur die Architektur, auch das Kulturprogramm ist sehens- und hörenswert. Die Mineralwasserfirma scheint sich langsam zu einem Sylter Kulturzentrum zu mausern (www.kulturquelle.de).
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