Der einstige Sylter Hauptort gehört zu den schönsten Dörfern Nordfrieslands. Verschlungene Wege, die von den prächtigsten Friesenhäusern der Insel gesäumt werden, durchziehen den verwinkelten alten Ortskern. Verlaufen ist hier vorprogrammiert und gehört zu einem Keitumbummel einfach dazu.
Die geduckten Reetdachhäuser stammen vorwiegend aus dem 18. Jh., einige sind noch älter. Die damalige wirtschaftliche Blütezeit, Sylts »Goldenes Zeitalter«, war eine Ära, in der fast jede Familie von der Seefahrt lebte. Die Männer befuhren als Handelsseefahrer alle Weltmeere, um mit Kostbarkeiten wie Gewürzen, Stoffen oder Tee nach Europa heimzukehren, andere machten als Walfänger ein Vermögen. Fast jeder Mann war fern der Insel, somit lagen die Geschicke der Familie und des Dorfes in den Händen der Frauen. Diese frühe Emanzipation merkt man den selbstbewussten Friesinnen heute noch an.
Heute leben auch die rund 700 Keitumer vom Fremdenverkehr, der allerdings spät Einzug hielt - das erste Hotel wurde erst 1970 eröffnet. Dann ging die Entwicklung rasant. Kaum ein Häuschen, das heute nicht teilweise vermietet wird. An Stelle von Läden für den täglichen Bedarf findet man jetzt elegante Boutiquen im Dorf, Designläden und Teestuben. Diese Entwicklung wird von den Einheimischen unterschiedlich beurteilt. Auf der einen Seite profitieren viele vom neuen Wachstum, doch die Kehrseite der Medaille sind exorbitante Immobilienpreise und in Folge Abwanderung der einheimischen Bevölkerung. Die leere Gemeindekasse hat sogar zur Schließung des beliebten Meerwasserfreibads am Kliff geführt. Jetzt ist man auf der Suche nach einem Investor, die Bebauung dieses Sahnegrundstücks nur noch eine Frage der Zeit.
Früher hatte man andere Probleme. Die geschützte Lage des Dorfes am Wattenmeer, hoch gelegen auf dem Kliff, bewahrte den Ort davor, von Sturmfluten zerstört zu werden, wie es in den westlichen Nachbargemeinden fast an der Tagesordnung war - einer der Gründe, warum Keitum damals zum Hauptort der Insel avancierte.
Als sich die Zeiten änderten und die ersten Badegäste den Strand bevölkerten, lief Westerland, mittlerweile elegantes Modebad, um 1900 Keitum den Rang ab. Man fuhr nur noch ins Dorf, um das einfache Leben der Insulaner zu bestaunen. Diese wiederum schauten misstrauisch auf die sich wandelnden Umgangsformen in den Kurorten und gründeten zur Rettung der Sylter Sitten und Bräuche 1906 die Söl'ring Foriining (»Sylter Verein«, www.soelring-foriining.de). Eine der ersten Amtshandlungen war die Schaffung der beiden Museen, die nach 100 Jahren immer noch eine der Hauptattraktionen des Dorfes sind. Sie liegen am Kliff und sind durch einen der schönsten Wanderwege der Insel, den Kliffweg, miteinander verbunden. Max Frisch, der 1949 zu Fuß von Kampen nach Keitum lief, war so begeistert vom Idyll und von der üppigen Vegetation des Dorfes, dass er es »das grüne Vergessen« nannte.
Wenn der Himmel auf Sylt bedeckt ist, sprechen die Einheimischen von »Keitumwetter«, weil dann alles ins Friesendorf strömt. Wer jedoch an einem Sonnentag nach Keitum kommt, wenn alle am Strand liegen, wird das Idyll in aller Stille genießen können. Da die kleinen Straßen des Dorfs dem steigenden Verkehr nicht mehr gewachsen waren, haben sich die Keitumer eine Umgehungsstraße geleistet. Wer jetzt ins Dorf hineinwill, fährt in eine Sackgasse, eine Durchfahrt ist nicht mehr möglich. Tipp: Parken Sie Ihren Wagen gleich auf dem Parkplatz am Ortseingang! Empfehlenswert sind die Dorfführungen (SVG, Tel. 83 61 00), Romantiker können per Kutsche den Ort entdecken (Paul Christiansen, Tel. 69 19; Peter Störtenbeker, Tel. 13 86).
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