
Kampen liegt inmitten einer traumhaften Naturlandschaft. Dünen, Heide, Hünengräber, Watt, offene Nordsee, Kliff und Strand sind nur einige Highlights des Ortes (700 Ew.) - und trotzdem: Wer an Kampen denkt, hat oft etwas anderes im Sinn. Dieser Ort scheint als Synonym für alle Vorurteile zu stehen, die man mit Sylt verbindet: teuer, dicke Autos, flotte Bienen, Jetset (der kümmerliche Rest …), Schickimickis. Auch das stimmt. Aber wenn man bedenkt, dass das Jahr 365 Tage hat, herrscht in 85 Prozent der Fälle auch hier Normalität. Im Juli und August jedoch tanzt der Bär in Kampen. In der Whiskystraße, deren richtiger Name »Strönwai« kaum noch jemandem geläufig ist, wird flaniert, promeniert und taxiert - auf höchstem Niveau. Wer als Unbeteiligter dem Treiben zusieht, mag sich fragen, warum die (Möchtegern-)Prominenz gerade Kampen auserkoren hat. Dies hängt vor allem mit der jüngeren Geschichte des Ortes zusammen.
Die unberührte und gewaltige Natur zog Mitte und Ende des 19. Jhs. Maler nach Kampen, deren Landschaftsgemälde damals eine ähnliche Wirkung hatten wie heute ein Werbeprospekt. Das Interesse war so geweckt. Ausschlaggebend für Kampens Entwicklung war sicherlich, dass sich Ferdinand Avenarius, ein Neffe von Richard Wagner und Herausgeber der Zeitschrift »Kunstwart«, in Kampen 1903 ein Haus baute. Hier hielt er Hof, bekam Besuch von Künstlern und Literaten wie Stefan Zweig, Lovis Corinth, Hermann Hesse, Käthe Kollwitz - um nur wenige zu nennen -, die den Ruf Kampens mehrten. 20 Jahre später war Kampen en vogue. Im Haus Kliffende, das heute gefährlich nah an der Abbruchkante steht, erholten sich neben Emil Nolde auch Thomas Mann, der Dirigent Erich Kleiber oder der Verleger Ernst Rowohlt. Dessen Kollegen Siegfried Jacobsohn und Peter Suhrkamp besaßen bald ein eigenes Reetdachdomizil, das sie teilweise ihren Autoren zur Verfügung stellten. So kamen Ernst Penzoldt oder Max Frisch nach Kampen. »Man badet hier nackt, und das ist herrlich …« schrieb Letzterer.
Dass man die Kampener FKK-Kultur auch mit anderen Augen sehen kann, zeigt eine Bemerkung von Marcel Reich-Ranicki. Er kam Jahre später nach Sylt und erblickte am Strand nur »Quadratkilometer Schamhaar«. Spätestens nachdem Gunter Sachs mit seiner kurzfristigen Gemahlin Brigitte Bardot in den Sechzigerjahren nach Kampen kam und den legendären Jetset im hohen Norden einführte, war es mit Kampens Unschuld vorbei. Die Massen kamen, um an den viel zitierten Herrlichkeiten teilzuhaben, woraufhin die Prominenten entweder schleunigst die Flucht ergriffen oder den Gärtner bestellten, um die Hecken dichter und höher zu setzen. Wer erfahren möchte, wo all diese illustren Persönlichkeiten logierten und was sie hier erlebten, sollte sich die Dorfführung »Auf den Spuren der vergessenen Künstler von Kampen« (Silke von Bremen, Tel. 355 74) nicht entgehen lassen.
Bereits 1913 hatten die Kampener ein bemerkenswertes Ortsstatut erlassen, das Reetdach und roten Klinker für alle Neubauten vorschrieb. Den damaligen Gemeindevätern können die Kampener für diese Weitsicht heute noch dankbar sein. Denn wenn auch viel zu viel gebaut wurde, immerhin ist das Bemühen eines einheitlichen Stils erkennbar. Manche Architekten errichten für eine nostalgiebewegte Käuferschicht zwar eher Friesenhauskarikaturen, überladen mit neobarocken Elementen, aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Die Preise verschlagen einem Sprache, ab 2,5 Mio. Euro kostet eine kleine Friesenhütte.
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