Was hat man nicht alles über Chicago gehört. Düster, unheimlich und erdrückend erscheint die Stadt auf historischen Bildern, man denkt an John Dillinger und Al Capone und ratternde Maschinenpistolen. Der Wind heult durch die Straßenschluchten: »Windy City«, ein Beiname, der nicht jedem gefällt. Was für eine Überraschung, wenn man zum ersten Mal in diese Metropole kommt und alle Vorurteile von der Wirklichkeit verdrängt sieht. Sicher, es hat die legendären Schlachthöfe gegeben, aber heute stehen dort nur noch Ruinen. John Dillinger und Al Capone sind längst tot, und die Kriminalitätsrate von Chicago liegt unter der vieler anderer Städte. Es bleibt das extreme Klima, es bleibt das Rattern der Hochbahn, immer noch ein Markenzeichen der Stadt. Es bleibt die düstere Atmosphäre der Vororte, in denen man über finstere Stahltreppen in ein Labyrinth von Straßen hinabsteigt. Manche Besucher überkommt die Angst, doch trifft man am Ende der Treppe meistens nette Leute. Überhaupt: Die Menschen machen vieles wett in Chicago, sie sind freundlicher und humorvoller als die New Yorker. »The Second City« (die zweite Stadt) nannte sich eine Kabarettistentruppe Ende der 1960er-Jahre und meinte damit Chicago als die Nummer zwei hinter New York. Aber die Chicagoer sind fest davon überzeugt, längst in Stadt Nummer eins zu leben. Einen der höchsten Wolkenkratzer der Welt haben sie sowieso schon. Die Stadt zieht sich 30 Meilen am Lake Michigan entlang und bietet ungefähr 2,9 Mio. Einwohnern ein Zuhause - auf einer Fläche, die zwei Drittel von New York City einnehmen würde.
Im 17. Jh. waren Louis Jolliet und Pater Jacques Marquette die ersten weißen Männer am Ufer des Lake Michigan, dort, wo später Chicago entstehen sollte. Damals gab es nur ein paar Indianerhütten und Wälder, in denen wilde Zwiebeln in Hülle und Fülle wuchsen. Deshalb nannten die Chippewas den Ort auch »Shegahg«, das Land der wilden Zwiebeln. Später wurde dieses Indianerwort zu »Chicago«. 1673 gründete Jacques Marquette eine Mission. Die Gegend blieb bis ins späte 18. Jh. unter französischer Herrschaft, dann kamen amerikanische Siedler, und Chicago wuchs zu einer Stadt mit 40 000 Einwohnern heran. Die Lebensbedingungen waren schlecht, und es gab viel Armut innerhalb der Stadtgrenzen. Erst mit dem Ausbau der Eisenbahn und der Eröffnung des Illinois & Michigan Canal änderte sich die Situation. Chicago wurde zum größten Viehverladebahnhof der Nation, zum Verkehrsknotenpunkt und blühenden Handelszentrum. Nichts schien diesen Boom aufhalten zu können, bis es am 9. Oktober 1871 zu einer Katastrophe kam, der beinahe die ganze Stadt zum Opfer fiel. Beim großen Feuer von Chicago mussten mehr als zweihundert Menschen ihr Leben lassen, über 90 000 Menschen verloren ihr Heim und ihre Habe. Der finanzielle Schaden belief sich auf 200 Mio. Dollar.
Das Unglück hinterließ grausame Spuren in Chicago, wurde aber auch zur Bewährungsprobe für die Bürger. Der totale Zusammenbruch blieb aus, und ein nie erwartetes Wirtschaftswunder ließ die Stadt in neuem Glanz erstrahlen. International anerkannte Architekten nutzten die Gunst der Stunde und planten die höchsten und kühnsten Gebäude. Innerhalb weniger Jahre bauten sie ein neues Chicago auf. Der Wasserturm, das einzige Gebäude, das den Brand unbeschadet überstanden hatte, wurde zum Symbol für den Lebenswillen der Stadt und seiner Bürger und gehört heute zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten.
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